Klavier ?

Bach auf dem Klavier?
Ist das historisch gesehen ein Stilbruch?
Müsste es, wenn es denn ein Tasteninstrument sein soll,  nicht Cembalo, Orgel oder gar Klavichord sein?

Es gäbe auch viele andere denkbare Möglichkeiten, z.B.:

  • Barockorchester,
  • gemischte Kammermusikensemble,
  • Streichquartett,
  • Blechbläserensemble,
  • Blockflötenensemble,
  • Gambenkonsort.

und sicher noch viele mehr.
Man kann für alle Möglichkeiten gute Argumente finden, und es gibt meiner Ansicht nach nicht nur eine denkbare Instrumentation.
Man kann für jeden der angeführten Vorschläge mehr oder weniger schlüssige Gegenargumente finden.
Mich können vor allem jene Lösungen überzeugen, denen ein homogenes Klangbild
zugrundeliegt.
Wenig überzeugend fände ich es z.B., die erste Stimme mit einer Violine, die zweite mit einer Oboe, die dritte von einem Klavier und die vierte mit einem Fagott spielen zu lassen.
Durch die unterschiedlichen Klänge wird -meiner Hörerfahrung nach- die Polyphonie keineswegs deutlicher, obwohl das oberflächlich betrachtet eigentlich zu erwarten wäre. Vielmehr empfinde ich es so, dass der Klang zerfällt und die Musik dadurch schwieriger aufgefasst werden kann.
Einerseits stehen Sopran, Alt, Tenor und Bass von z.B. Contrapunctus 1 autonom und gleichwertig für sich selbst. Andererseits gehören sie aber auch zusammen. Ihre Individualität sollte meiner Auffassung nach eher durch eine der jeweiligen Stelle entsprechende Spielweise verdeutlicht werden, als durch klangliche Unterschiede.
Mit Hilfe barocker Originalinstrumente lässt sich auf der anderen Seite aber ein homogener Mischklang etwas leichter und natürlicher erzeugen, als dies mit “normalen” , im Symphonieorchester gebräuchlichen Instrumenten möglich wäre.
Für das Ensemblespiel spricht auch, dass einzelne Menschen die Rollen der polyphonen Stimmen einnehmen und ihnen Leben verleihen können, was bei der ausserordentlichen Qualität der Bachschen Stimmführungen auch für den Musiker höchst inspirierend sein muss.
Wenn die Kunst der Fuge nicht auf einem oder mehreren Tasteninstrumenten gespielt wird, dann möchte ich sie also am liebsten hören, wenn die Musik mit solchen Instrumenten gespielt wird, die zu einer Familie gehören.
Besonders reizvoll würde ich ein Streichquartett mit historischen Instrumenten oder ein Gambenkonsort finden, dass sich von der Spielweise her an den  Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis orientiert.
Auch der Klang eines “modernen” Blechbläserensembles könnte mich hier unter Umständen noch überzeugen.
Saxophone oder Synthesizer sind sicherlich auch interessant, aber für meinen Geschmack sind mir deren Klangbilder zu sehr mit anderen Stilrichtungen verbunden ( bei Synthezisern übrigens weniger als bei Saxophonen)

Abgesehen davon, dass mir vor einigen Jahren nur der Klavierklang zur Verfügung stand, kann ich auch gute Argumente dafür finden, die Kunst der Fuge auf dem Klavier zu spielen:

  • Das Klavier verfügt von Haus aus über einen homogenen Klang.
  • Die Kunst der Fuge ist für mich ein zeitloses Werk, das über die Epoche des Barock weit hinausreicht. Die Spielweise muss m.E. die historischen Zusammenhänge berücksichtigen, der Klang muss aber nicht zwangsläufig aus dieser Zeit stammen.
  • Es gibt wohl kein Musikinstrument, dass ähnlich zeitlos ist, wie das Klavier. Man verbindet seinen Klang nicht mit einer bestimmten Epoche, was der Kunst der Fuge entgegenkommt.
    Von Couperin bis zu Ligeti, vom Gospel, Rock und Pop bis zum Jazz und zur Dancemusik: Der Klavierklang hat in keinem Genre etwas von seiner Aktualität eingebüsst. Eben deswegen erscheint mir eine Darstellung auf dem Klavier legitim und sinnvoll zu sein. Man wendet oft ein, dass Bach das Cembalo dem Anfängen des Hammerklaviers vorzog. Ich bin mir allerdings sicher, dass er sich für den modernen und ausgereiften Konzertflügel durchaus hätte begeistern können.
    Sicher ist dies meine höchst subjektive und spekulative Vermutung, aber genauso wie ich Anderen ihre Meinungen gönne, sollte man dies auch mir zugestehen.
    Nebenbei gesagt finde ich es falsch, von einem Pianisten zu verlangen, auf den dezenten Gebrauch des Pedals bei Bachs Präludien komplett zu verzichten, vor allem dann, wenn es darum geht, das akkordische Spiel singender und zusammenhängender zu machen. Die “Klangrede” muss darunter nicht zwangsläufig leiden.
    Ein expressiver Musiker wie Bach würde es sich wohl nicht nehmen lassen, alle Ausdrucksmöglichkeiten eines Instruments zu nutzen.
    Wahrscheinlich würde er hierfür speziell gedachte Werke komponieren.
    Bei den hier hörbaren Klangbeispielen habe ich allerdings auf den Gebrauch des Pedals verzichtet, da ich an keiner Stelle eine Notwendigkeit für Pedaleffekte erkennen konnte.

    Für eine Live-Darbietung der Kunst der Fuge auf dem Klavier würde ich es übrigens vorziehen, mit zwei Pianisten an zwei Flügeln zu arbeiten. Durch die spieltechnische Erleichterung tun sich Freiräume auf, die zur individuellen Gestaltung der Einzelstimmen genutzt werden können. Wenn dann noch die Freude am gemeinsamen dialogischen Musizieren hinzukommt, kann in einem Konzert der Funke der Begeisterung möglicherweise leichter auf das Publikum überspringen, als bei nur einem Pianisten.
  • Es ist natürlich sehr gut vertretbar und keineswegs ein Fehler, die Kunst der Fuge auf historischen Tasteninstrumenten zu spielen. Altmeister Gustav Leonhardt hat sich z.B.  für die Darstellung auf dem Cembalo engagiert und dafür auch schlüssige Argumente
    gefunden.
    Man kann aber dem Cembalo entgegenhalten, dass es unmittelbar an “Alte Musik” erinnert, also den überzeitlichen Charakter der Kunst der Fuge eher einschränkt.
    Für den, der unbedingt “Alte Musik” hören will und auch bei der Kunst der Fuge klanglich daran erinnert werden will, dass sie aus dem 18.Jahrhundert stammt, wäre dies allerdings kein Argument. Die Polyphonie ist aufgrund des hellen, angerissenen Klanges jedenfalls sehr gut auf einem Cembalo nachvollziehbar.
    Gegenüber dem Cembalo hat das Klavier für mich hier ( nicht bei Werken z.B. eines Louis Couperin, für die ich das Cembalo für ideal halte) den Vorteil, dass es anschlagsdynamisch gespielt werden kann. Ein Cembalist kann und wird durch agogische Mittel versuchen, den Eindruck von Dynamik zu erwecken. Sollte sich dies jedoch nicht nur auf Feinheiten beschränken, sondern zu einem wogenden Rubato ausweiten, dann meine ich schon behaupten zu dürfen, dass es der Musik mehr schadet als nützt.
    Ein wichtiges Element dieser Musik ist für mich das rhythmische Pulsieren. Ungern möchte ich hier von “Strenge” sprechen, denn mit Strenge verbinde ich automatisch auch anstrengend. Das einzige, was ich an der Kunst der Fuge als “streng” bezeichne, ist die durch die Form der Fuge und des Canons vorgegebene und durchgehaltene kompositorische Strenge. Die klingende Musik empfinde ich als berührend, belehrend und im positiven Sinne auch unterhaltend.
    Nebenbei gesagt sehe ich die Kunst der Fuge stilistisch eher an jener Musik orientiert, die vor Bachs Zeit entstand. Vom Tonfall her werde ich manchmal an die Canzonen Frescobaldis, an Palestrinas Chorwerke oder an die Polyphonie der alten Niederländer erinnert.

    Auch den sakralen Klang einer Kirchenorgel verbinde ich mehr oder weniger stark mit  Kirchenmusik, Gottesdienst und Liturgie.
    Obwohl ich schon oft den Eindruck hatte, dass in Bachs Klavierwerken geistliche Inhalte verborgen sind, glaube ich, dass die darin enthaltenen Aussagen einen derart universellen Charakter haben. Der Rahmen einer Kirchenmusik ist mir hierfür nicht weit genug.
    Wenn es so wäre, dass ein Musiker bei der Aufführung der Kunst der Fuge im weitesten Sinne einen Gottesdienst zelebriert, dann muss dies nicht unbedingt unter den klanglichen und räumlichen Voraussetzungen einer typisch kirchlich klingenden Musik sein.
    Zudem erschwert die Sostenuto-Dynamik der Kirchenorgel die Durchhörbarkeit der polyphonen Strukturen. Durch früheres Loslassen des Tons kann der Organist versuchen, diesen Effekt mit Hilfe der Kirchenakustik zu kompensieren.
    Spieltechnisch gesehen wird es dadurch aber nicht gerade leichter...
    Die Dynamikkurve eines Klaviertons ähnelt  m.E. mehr dem barocken Grundmodell des Glockentons, der ja auch durch die Bauweise eines Barockbogens ( für Streicher) begünstigt wird. Gerade dieses Zurückfedern der Einzeltöne scheint mir für die nicht nur für die Darstellung der “Klangrede” sondern auch für die Durchhörbarkeit einer Fuge extrem wichtig zu sein.
    Ausgeschlossen ist eine wunderbare und überzeugende Aufführung der Kunst der Fuge auf einer Orgel damit selbstverständlich nicht. Die Anforderungen an den Musiker sind allerdings ziemlich hoch, aber sind sie das bei Bach nicht immer?