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Die Idee, die Kunst der Fuge ernsthaft “aufnehmen” zu wollen, ist rein zufällig entstanden. Ich kaufte mir vor einigen Jahren eine Partitur von Bärenreiter und war neugierig, wie diese Musik wohl klingen könnte. Da ich einen Softwaresequenzer und ein einigermassen klingendes E-Piano hatte, spielte ich die Stimmen von Contrapunctus 1 eine nach dem anderen spasseshalber ein ( mein Studioequipment nutze ich normalerweise nicht, um Musik von J.S. Bach zu produzieren). Schnell begriff ich, dass sich mir eine interessante Möglichkeit auftat, die Komposition näher kennenzulernen und deren Interpretationsaspekte durch die ständigen Kontroll- und Verbesserungsmöglichkeiten genauer studieren zu können, ohne allzuviel Übezeit mit der Überwindung spieltechnischer Probleme verbringen zu müssen. Es reizte mich natürlich auch, auf diese Weise meinem Perfektionsdrang frönen zu können. Nachdem ich mit der ersten Fuge “fertig” war ( richtig fertig wird man damit nie, deswegen die Anführungsstriche), brannte die Neugier für die zweite Fuge. So ging es weiter bis ich schliesslich bei der letzten Fuga a 3 Sogetti angelangt war. Es stellte sich recht schnell heraus, dass die spieltechnische Erleichterung mit einer nicht unerheblichen musikalischen Erschwernis eingetauscht wurde: Es ist sehr schwierig, vier nacheinander eingespielte Spuren mit ihren Lautstärkeverhältnissen, agogischen Feinheiten und dem emotionalen Ausdruck so wirken zu lassen, dass das Aufnahmeverfahren möglichst unhörbar wird. Zum Schluss sollte es sich ja so homogen und überzeugend anhören, als ob ein lebender Pianist das Werk live am Klavier spielen würde - das wahr jedenfalls mein Ehrgeiz. Dazu mussten z.B. für Ritardandi kompliziert aussehende Tempokurven im Sequenzer programmiert werden. Aus einem Spass wurde wieder einmal richtige Arbeit, die erst nach über einem Jahr abgeschlossen war. Ob das Experiment gelungen ist, können Sie, lieber Hörer, für sich selbst entscheiden. Bitte versuchen Sie einmal, sich von etwaigen Vorurteilen freizumachen, die besagen, dass eine gute Musik nur dann wertvoll sei, wenn sie auch live auf einem akustischen Instrument gespielt wird. In den meisten Fällen mag das für die Musik der Klassik und des akustischen Jazz zutreffend sein. Bei Fugen von Bach finde ich aber, dass man es auch einmal so machen darf, wie ich es hier getan habe, weil sie wie sonst keine Musik eine Verbindung zur Welt der Logik ( damit auch des Berechenbaren und durch einen Computer Erfassbaren) haben. Diese polyphonen Werke verbinden auf ideale Weise das Logische mit dem Unerklärlichen, Unsagbaren und Übernatürlichen, dass ja in jeder wirklich guten Musik enthalten ist ( wie auch bei den überirdischen Melodien eines W.A.Mozart) Zudem steht in der Bachdiskussion schon seit langem die These einiger Leute im Raum, die besagt, dass die Kunst der Fuge als eine reine “Augenmusik” konzipiert sei. Die Musik entstünde beim gebildeten Leser nur im Kopf, während er die Partitur liesst ( man könnte es demnach also auch als “Kopfmusik” bezeichnen) Man argumentierte oft, dass Bach niemals an eine konzertante Aufführung gedacht hat und deshalb auch auf die Nennung irgendeines Instrumentariums bewusst verzichtete. Deswegen habe er auch keine Solostimmen oder Klaviernoten geschrieben. Vielleicht wollte er das Werk von er Erdenschwere des konkreten Instruments befreit sehen, um den allgemeingültigen Charakter der Zeitlosigkeit zu betonen. Wenn dem so wäre, dann scheint mir die klangliche Realisierung mit Hilfe eines Rechners durchaus zulässig zu sein, vor allem dann, wenn es nicht allzu maschinell klingt. Ich bin nämlich der starken Überzeugung, dass diese Musik zu affekthaltig ist, ums sie nur im Kopf entstehen zu lassen. Mit Hilfe eines Sequenzers ist es heute möglich, seine interpretatorischen Gedanken im Laufe eines längeren Verfeinerungsprozesses direkt und mit viel Geduld umzusetzen. Dabei stellt sich auch heraus, wie wichtig es ist gerade bei Bach ist, für jede Note eine musikalische Vorstellung zu haben.
Ein weiteres, etwas philosophisches Argument:
Die wenigsten stören sich heute daran, dass bei einer CD die Musik in Nullen und Einsen zerlegt und wieder zusammengesetzt wird. Musik ist die Sprache der Seele; mit ihrer Hilfe können wir das Unsagbare ausdrücken. Und doch werden durch den digitalen Produktions- und Reproduktionsprozess einer CD/DVD diese Elemente für jeden modernen PC dieser Welt greifbar und berechenbar. Auch bei der magnetische Bandaufzeichnung werden Emotionen und magische Momente zu nichts weiterem als der Anordnung von Partikeln auf einem Magnetband. Nur eine Direktschnitt-LP setzt die Luftschwingungn 1:1 in Nadelschwingungen um. Die überwältigende Mehrheit der klassischen Musikproduktionen wird heute nicht auf diese aufgenommen, und die Mehrheit der Hörer besitzt gar keinen Schallplattenspieler mehr. Entweder weigert man sich konsequent (wie einst Celibidache) die Musik in das Korsett der Technik zu stecken, oder man lässt eben auch zu, dass mit technischer Hilfe produziert wird. Spontanität und Intuition sind auch im digitalen Mehrspurverfahren durchaus nicht ausgeschlossen. Man kann aber im Gegensatz zum Live-Konzert so lange man will überdenken und entscheiden, ob der spontane Einfall wirklich gut war, oder ob man noch etwas verbessern sollte.
Heutzutage stünden mir bessere Klangerzeuger zur Verfügung, wie z.B. “The Grand” von Steinberg. Am liebsten hätte ich schon damals mit einem durch Midi steuerbaren hochwertigen Flügel gearbeitet, den ich leider auch bis heute noch nicht besitze. Auf diese Weise wäre die Musik tatsächlich akustisch entstanden und aufgenommen worden. Ursprünglich sollte es ja nur darum gehen, die vor Augen liegende Partitur zum Klingen zu bringen.
Wenn mir also irgendein Millionär aus der Westentasche einen Diskflügel von Yamaha finanzieren möchte, dann kann er sich gerne unter kontakt at diekunstderfuge.de melden...
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