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Welches Tempo wähle ich ? Wie artikuliere ich? Wie setze ich die Dynamik im Grossen wie im Kleinen ein? Welchen Affekt hat das Stück? Stehen die Fugen in einer Relation zueinander, und wenn ja, in welcher? Sollte ich mir die Erkenntnisse der “historisch informierten Aufführungspraxis” zu eigen machen? Gibt es für mich vorbildliche Einspielungen, die meine Interpretation beeinflussen?
Wenn man diese Stücke spielen will, dann tauchen diese Fragen zwangsläufig auf. Es würde den Rahmen dieser Seite sprengen, im Einzelnen darauf einzugehen.
Grundsätzlich kann ich sagen, dass mir die Einbeziehung der Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis für die Interpretation schon sehr wichtig sind. Das Verständnis der barocken “Klangrede” ist meines Erachtens notwendig, um nicht grob über das Ziel einer dem Werk angemessenen Interpretation hinauszuschiessen. Allerdings sollte man irgendwann die theoretischen Komponenten verinnerlicht haben und diese Musik einfach sprechend musizieren. Es ist ähnlich wie beim Erlernen einer Fremdsprache: Zunächst lernt man einfache Grundbegriffe, später erschliessen sich einem die Grammatik und die Vokabeln. Zum Schluss sollte man die neu erlernte Sprache frei sprechen können, ohne darüber nachdenken zu müssen. Genau genommen ist der Vorgang des freien Sprechens einer Sprache ja nichts anderes als eine Improvisation. Man bedient sich bekannter Worte und Zusammenhänge und setzt sie immer wieder neu zusammen, um seinem Gegenüber etwas mitzuteilen. In Abhängigkeit vom Vortrags- oder Gesprächsinhalt wird man das Sprechtempo und die Aussprache der Worte verändern. Bei der Interpretation einer Komposition Bachs wäre es aus meiner Sicht ideal, die musikalische Sprache des Barocks verinnerlicht zu haben und beim Spielen gleichermassen sich in den Redner - hier also in den Komponisten- hineinzuversetzen. Glenn Gould machte dem Hörer gegenüber oft den Eindruck, dass die Werke, die er spielte, im Moment des Vortrags neu erschuf, dass sie gewissermassen improvisierend aus ihm heraus kamen. Seine Resultate waren nicht immer mit den Lehren des “HIP” kompatibel, manchmal allerdings ( Goldbergvariationen II) schon, wie ich finde. Um etwaigen böswilligen Missverständnissen vorzubeugen: Ich will mich hier nicht im Geringsten mit diesem Giganten unter den Pianisten vergleichen, sondern spreche lediglich davon, wie wünschenswert es ist, aus der Verinnerlichung der Bachschen Klangsprache dem heutigen Hörer eine für ihn authentisch wirkende klangliche Realisierung anbieten zu können.
Vor und während ich die Stücke einspielte, lagen mir keine weiteren Einspielungen vor, die meine Interpretationen beeinflusst haben. Nachträglich stellte ich erstaunt fest, dass ich alleine schon vom Tempo her zu manchmal recht anderen Resultaten gekommen bin, als bei den mir mittlerweile bekannten Aufnahmen. Das führte allerdings nicht dazu, dass ich anschliessend irgendwelche Korrekturen vornahm, d.h. im Grossen und Ganzen stehe ich auch heute noch zu den getroffenen Entscheidungen.
Grundsätzlich bin ich der Auffassung, dass das Tempo sich den rhetorischen Figuren und den Affekten anpassen muss und nicht umgekehrt, d.h. ich neige dazu, vom Kleinen auf das Grosse zu schliessen. Es erstaunt mich auch immer wieder, dass es kaum eine Musik gibt, die man überzeugend in derart unterschiedlichen Tempi spielen kann, wie jene, unter denen der Name J.S.Bach steht. Auch dieser Aspekt zeugt von der enormen und konkurrenzlosen Qualität seiner Musik.
Wenn man eine Musik spielt, dann sollte man sich mit ihr identifizieren können. Bei mir ging dies phasenweise soweit, dass ich monatelang jede Musik, die nicht polyphon war, komplett ablehnte. Mittlerweile befinde ich mich wieder im musikalischen Normalzustand, und ich kann auch andere Musik mit grosser Freude geniessen.
All denen, die ob meiner hier vorgestellten Produktionsmethode verächtlich die Nase rümpfen, sei gesagt, dass ich durchaus in der Lage wäre, die Werke auch live auf dem Klavier zu spielen, auch wenn ich die spieltechnische Herausforderung nicht wie ein genialer Gould aus dem Ärmel schüttelnd bewältigen könnte, d.h., ich müsste schon sehr intensiv üben. . Bei der Vielzahl der Stücke wäre für mich dieser Zeitaufwand jedoch so gross, dass ich meine sonstigen zahlreichen musikalischen Verpflichtungen und Aktivitäten vernachlässigen müsste. Sollte ich nur deshalb die Kunst der Fuge nicht interpretieren dürfen, obwohl ich einen anderen Weg entdeckt habe? Ich finde nein, und ich meine und hoffe auch, dass eine Internetveröffentlichung einigen wenigen hierfür interessierten Bachfreunden eine Freude machen könnte.
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